Unsere Gesellschaft erkennt langsam die Grenzen ihres Wachstums. Vor allem bei der Energie wird die Beschränktheit der Ressourcen und der Einfluss auf unsere Natur ersichtlich. Die Elektrizitätswirtschaft kann die Gelegenheit nutzen, aktiv an der Bewältigung dieser neuen Herausforderung mitzuwirken. Eine Möglichkeit dazu bieten neue Dienstleistungen zur Erhöhung des Wirkungsgrades im Versorgungsgebiet.
Im Jahre 1994/95 wurde das Elektrizitätswerk des Münstertals (PEM), ein Organ der sechs Talgemeinden, vom Autor im Rahmen eines RAVEL-Projektes bei der Einführung neuer Dienstleistungen unterstützt. Im Münstertal verbrauchen die 1800 Einwohner etwa 10 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr, wobei kein Kunde mehr als 2% bezieht. Die Animation zur rationellen Energieverwendung der Haushalte und Gewerbebetriebe erfolgt hauptsächlich durch die Energieberatung der EW-Mitarbeiter. Von der Verbesserung der Energieeffizienz im Tal profitiert die Bevölkerung, das Gewerbe, das Elektrizitätswerk und die Umwelt. Im Rahmen des Projektes wurden folgende Fragen beantwortet:
Diese Anleitung ist ein Werkzeug für Elektrizitätswerke, welche ihre Kunden zur rationellen Verwendung von Energie animieren möchten. Es werden konkrete Massnahmen für die Umsetzung vorgestellt und Vorschläge für die Organisation und die nachhaltige Sicherung der Dienstleistung am Beispiel Münstertal aufgeführt.
Die Rahmenbedingungen für die vorliegende Anleitung sind:
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Ziel: |
Die Animation zur rationellen Verwendung von Energie durch kleinere Elektrizitätswerke. |
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Strategie: |
Die langfristige Strategie verlagert sich vom quantitativen zum qualitativen Wachstum. Das Elektrizitätswerk macht seine Mitarbeiter zu Energiefachleuten und seine Abonnenten zu Partnern. |
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Energie: |
Die Animation umfasst alle Energieanwendungen im Versorgungsgebiet mit Ausnahme des Verkehrs, Schwerpunkt ist die Elektrizität. |
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Aufwand: |
Die neuen Dienstleistungen werden vor allem mit den vorhandenen Mitarbeitern erbracht. Der Aufwand wird mittelfristig durch die eingesparte Energie gedeckt. |
Die Grundidee der neuen Dienstleistungen basiert auf der Feststellung, dass der Kunde Licht, Kraft, klimatisierte Räume (Wohnung, Kühlraum ...), Frischluft usw. braucht, aber nicht direkt Energie. Der Komfort und die Produktivität hängen also nicht vom Energieverbrauch ab, sondern vom Nutzen der Energieanwendungen. Das fortschrittliche Elektrizitätswerk dient seinen Kunden auch mit Leistungen hinter dem Stromzähler.
Der Autor (gloor@energie.ch) nimmt gerne Anregungen entgegen und steht für Fragen zur Verfügung.
Neue Dienstleistungen für ein Elektrizitätswerk sind zum Beispiel:
Diese neuen Dienste werden begleitet von:
Bei den nachfrageseitigen Aktivitäten gibt es zwei kritische Prozesse:
Es gibt auch Gemeindewerke, welche nebst Elektrizität auch Gas, Wärme, Wasser und Abwasserentsorgung anbieten. Die meisten Überlegungen und Vorschläge für nachfrageseitige Massnahmen können in abgeänderter Form auch für diese Bereiche übernommen werden.
Vordergründig ist es schwer verständlich, warum sich gerade ein Elektrizitätswerk für die Animation zur rationelle Verwendung von Energie (sämtlicher Energieträger) einsetzen soll. Ein geringerer Stromabsatz führt doch zu weniger Gewinn oder höheren Tarifen. Wenn man die Rechnung aber von aussen betrachtet, so zahlen die Kunden die Fixkosten und den Gewinn des EW's, unabhängig vom Stromumsatz. Je weniger Elektrizität also benötigt wird, desto geringer werden die Kosten. Der Stromverbrauch kann durch nachfrageseitige Massnahmen nicht sofort und extrem reduziert werden, dadurch verändert sich der Stromtarif nur gering.
Elektrizitätswerke haben ein fixes Absatzgebiet. Das quantitative Wachstum hängt von der Entwicklung in der Region ab und kann durch das EW nur geringfügig beeinflusst werden. Die Argumente für das qualitative Wachstum sind:
Ein gutes Image für das EW und die Mitarbeiter sowie weniger Kundenreklamationen.
Kompetente und engagierte Mitarbeiter sowie attraktivere Arbeitsplätze.
Die engere Beziehung zu den Kunden gibt bessere Kenntnisse über die Situation und Entwicklung des Marktes (Vermeidung von Überkapazitäten, Tarife, Lastmanagement).
Ein EW, welches nicht nur Strom liefert, sondern den Kunden auch mit kompetenter Energieberatung unterstützt, braucht sich vor «billiger» Konkurrenz nicht zu fürchten.
Energie-Effizienz kann zu neuen Elektrizitätsanwendungen führen (Abwärmenutzung ...).
Neue Energiedienste, wie Wärmelieferung und Contracting öffnen neue Märkte.
Vermeidung von einschränkenden Gesetzen und komplizierten Auflagen durch freiwillige und innovative Aktivitäten.
Ein Elektrizitätswerk hat einen Auftrag zum Wohl der Allgemeinheit. Die neuen Dienstleistungen unterstützen diese Aufgabe mit:
Beitrag zum Schutz der Umwelt (Treibhausgase, Ressourcenschonung).
Belebende Impulse für die regionalen Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe durch Investitionen in Energiesparmassnahmen.
Auslöser von Eigenleistungen (Isolation der Kellerdecke, Sonnenkollektoren ...).
Verbesserung der regionalen Handelsbilanz durch einen geringeren Energieimport (höheren Energieexport) sowie kleinerer Steuerlast (MWST, ev. zukünftige Energiesteuern ...).
Aufwertung der Region durch mehr Kompetenz in der Bevölkerung (Jugendarbeit, Veranstaltungen ...) und besserer Lebensqualität (Emissionen, Wohnkomfort, Produktivität...).
Geringere Konflikte zwischen EW und Bevölkerung durch bessere gegenseitige Akzeptanz.
Die neuen Dienstleistungen erfordern vor allem Anstrengung und Ausdauer. Die Kunst besteht darin, mit wenig Aufwand viel zu erreichen.

Zusammenhang und äussere Einflüsse bei der Erbringung von Energiedienstleisungen.
Die neuen Dienstleistungen setzen sich aus einem Mix von verschiedenen Massnahmen zusammen. Je nach der Situation des Elektrizitätswerkes und den Marktverhältnissen sind die Schwerpunkte zu bestimmen. In der untenstehenden Tabelle wird versucht, den Aufwand und die Wirkung der einzelnen Massnahmen grob zu beurteilen. Wertvoll sind die Überlegungen, welche die Bewertung auslösen, denn für jedes EW sieht eine solche Beurteilung anders aus.

Die Bewertung von Aufwand und Wirkung der einzelnen Massnahmen fällt für jedes Elektrizitätswerk unterschiedlich aus. Wichtig ist die Transparenz und der Dialog, welcher dabei entsteht.
Für den Erfolg der neuen Dienstleistungen sind folgende fünf Punkte wichtig:
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1. Wollen |
Die feste Bereitschaft des Verwaltungsrates, des Managements und der Mitarbeiter zur neuen Strategie. |
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2. Optimierung |
Eine sorgfältige Abwägung zwischen Aufwand und Ertrag, weder zuviel noch zuwenig. |
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3. Management |
Die Planung und Kontrolle der neuen Dienstleistungen soll einen Stellenwert wie das Rechnungswesen haben. |
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4. Professionalität |
Die engagierte und kompetente Durchführung der Massnahmen stärkt die Mitarbeiter und das Image (keine Halbheiten). |
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5. Geduld |
Das Bewusstsein, dass Veränderungen im menschlichen Verhalten Jahre brauchen, aber mit Ausdauer möglich sind. |
Das grösste Hindernis bei der Einführung neuer Dienstleistungen liegt in den Köpfen der Beteiligten. Zuerst muss der Verwaltungsrat und das Management des Elektrizitätswerkes voll hinter der neuen Strategie stehen. Dabei ist auf zwei Gefahren dauernd zu achten, welche die Umsetzung lähmen können:
"Wachstumswahn": Es braucht ein ganzheitliches Verständnis, um zu begreifen, dass eine positive Unternehmensentwicklung nicht nur mit einem steigenden Energieverbrauch möglich ist. Auch nach in Besprechungen gewonnener Übereinstimmung in diesem Punkt werden viele Personen wieder "rückfällig". Das alte Denkmuster war so einfach und hatte bisher doch gut funktioniert. Aus diesem Grund ist wiederholte Überzeugungsarbeit durch die Initianten der neuen Strategie gefordert.
"Bequemlichkeit": Die neuen Dienste und das Marketing erfordern dauernde Anstrengungen und zeigen träge ihre Wirkung. Mit Argumenten wie: keine Zeit, die falschen Leute, zu teuer und anderen Ausreden wird die Unlust umschrieben. Ein gut geführtes Elektrizitätswerk wird dieses Managementproblem mit den richtigen Anreizen in den Griff kriegen.
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